Auf die Mauer hoch zu Ross

Weil ein Besuch in China ohne einer Wanderung über die sagenumwobene Chinesische Mauer nicht zuende gehen darf, nutzen wir den Sonntag zu einem Ausflug nach Art der gehobenen chinesischen Mittelschicht. Zusammen mit Y., ihren Nachbarinnen und deren Kindern geht es ab nach Mutianyu, einem Abschnitt der chinesischen Mauer, etwa 70 Kilometer von Peking entfernt.

Die Fahrzeit ist jedoch bedeutend länger als es diese Strecke vermuten lässt: Stadtplanung in China ist ein Glücksspiel, das heißt, man baut erst einmal Autobahnen, oft einfach übereinander, doch an die Abfahrten denkt man zuletzt. Wenn sich die richtigen Leute dann beklagen, reißt man die alte Autobahn wieder ab und setzt jetzt ein Drehkreuz ein, bevor man baut. Leider überdenkt man dabei auch nur die Bedürfnisse des aktuellen Tages. So dass man vermuten könnte, dass Autobahnen in China ein bewusst kalkuliertes staatliches Beschäftigungsprogramm sind.

Sei’s drum, irgendwann bringt uns die Autobahn aus Peking hinaus Richtung Mutianyu. Früher war das hier eine Gegend, in der Kolchosebauern Obst für ganz China anbauten. Heute liegen die Apfelhaine verwaist und verwildert am Straßenrand, denn mit dem Ausbau des Straßennetzes kommt der Wohlstand jedes Wochenende aus Peking mit dem Jeep angerollt.

Peking Mutianyu

Die einstigen Obstbauern haben ihre Höfe zu “Landhotels” umgerüstet und servieren dem nostalgischen Städter gegrillte Forellen und Gemüsespeisen nach längst vergessen geglaubtem nordchinesischem Rezept. Dazu gibt es Mühlen und kleine Wasserfälle, die Kellnerinnen tragen traditionelle Kleidung, und die verwöhnten dicken Kinder werden beim Paintball für ein, zwei Stunden von den Eltern ferngehalten. Wenn die Brut nach noch mehr Entertainment dürstet, müssen die Ackergäule für ihr Stroh zum Einsatz kommen: Ausritte sind bei Pekings Eliten gefragt. Dass die Pferde ihre besten Tage längst hinter sich haben und jedes Wochenende ab sechs Uhr morgens die Sporen bekommen, interessiert hier niemanden. Am allerwenigsten die Besitzer.

Peking MutianyuPeking Mutianyu

Denn einmal zur Mauer hoch- und wieder zurückreiten kostet umgerechnet 20 Euro, das ist mehr, als ein Fabrikarbeiter an drei Tagen verdient.

Das Kind saß zwar noch nie auf einem Pferd, außer auf einem Pony zum Straßenfest. Doch der Gruppenzwang macht es möglich, und eh ich es mich versehe, ist das Kind weg.

Peking MutianyuPeking Mutianyu

Leider entscheide ich mich aus Angst vor Pferden, die Strecke nach oben zu Fuß zu gehen. Deshalb entgeht mir auch, dass der Pferdebesitzer, der zunächst mitreitet, plötzlich umdreht, um neue Kunden zu gewinnen, und das Kind von jetzt an allein im Sattel sitzt.

Als ich endlich oben erscheine, fängt die eigentliche Kraxelei erst an. Denn die als Schutz vor den Barbaren errichtete Mauer ist nicht nur über 6000 Kilometer lang, sie zieht sich auch in steilen An- und Abstiegen über den Kamm. Fast senkrecht geht es die Treppen nach oben, kaum angelangt, geht es durch Schutztürme und Steinbögen senkrecht hinab. Jetzt verstehe ich auch, warum Chinesen immer fotografieren: Das verschafft neben schönen Ausblicken auch immer wieder Luft.

Peking Mutianyu

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Kein Wunder, dass mein Vorschlag, auf der Mauer zu wandern, schon vorher auf Ablehnung stieß. Die Kinder und auch die Nachbarinnen haben ohnehin nur ein Ziel. Die Sommerrodelbahn von Mutianyu interessiert mehr als ein jahrtausendealtes Gemäuer, das man nur der Legende nach vom Mond sehen kann.

Für umgerechnet drei Euro geht es im “Schlitten” den Berg hinunter und mit der Seilbahn wieder hinauf. Am Ende trägt das Kind ein T-Shirt mit dem Aufdruck “I climbed the Great Wall” und ich kraxele allein die Treppen hinunter und wieder hinauf.

Peking MutianyuPeking Mutianyu

Der Spätherbsttag endet frostig. Gegen fünf geht die Sonne unter und es wird in Sekunden kalt. Das Kind ist entkräftet und schläft beim Ritt ins Tal auf dem Pferderücken ein. Fast gleichzeitig machen sich die Tagesausflügler auf den Rückweg nach Peking, die Jeeps rollen im sehr langsamen Schritttempo die Zubringerstraße zur Autobahn. Deshalb brauchen wir nach Hause doppelt so lang.

Peking Mutianyu

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