Kräutermania

Peking ist noch immer in Feierlaune und alle Gesprächspartner, so sie überhaupt ans Telefon gehen, vertrösten aufs Wochenende, wenn die Arbeitswoche nach der gesetzlich festgelegten Nationalfeiertagsauszeit wieder beginnt.

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Nach vier Tagen Fähnchenschwenken setzen bei uns Aushilfsparadisten jedoch die ersten Ermüdungserscheinungen ein.

Zeit also, sich weiter der chinesischen Medizin zu widmen. Druckpunktmassage, Akupunktur, Kräutersude, Meridianmassage, Zungendiagnostik, Pupillendoktorei – mir ist alles Recht. Was meine chinesischen Freunde mit entsetzten Aufschreien quittieren. Anders als man im Westen annimmt, greift der Chinese lieber zum Antibiotikum als sich einem potentiellen Quacksalber auszuliefern. Und das ist grundsätzlich jeder, der nicht von einem Blutsverwandten für gut befunden ist.

Peking Meister Fan

C.G. hat mich auf den Geschmack gebracht, gleich nach unserer Ankunft hat er mich zu seinem Meister geschleppt. Meister Fan ist ein buddhistischer Mönch und residiert in einem dreistöckigen Gebäude, in dem ansonsten Brautausstatter, Friseure und Kosmetikstudios ihre Dienste feilbieten. Bei der ersten Audienz trinken wir zwei Stunden Tee, der Meister stellt etwa drei Fragen, schaut mich an und schreibt im Anschluss etwa 20 Minuten in seinen Block. Den händigt er seiner Assistentin aus. Ich soll jeden zweiten Tag kommen. Und händigt mir eine Chipkarte für meine Besuche aus.

Er spricht über Yuen, so heißt zwar das Geld in China, doch es ist nicht das, was Meister Fan meint. Es geht um Yuen, die Macht es Schicksals, mit der sich Menschen begegnen (und zwar nicht nur im romantischen Sinn) und mit der auch die Aufgaben im Leben vorherbestimmt sind. Yuen kann auch bedeuten “glückliche Fügung”, wobei das Glück darin liegt, die Pläne des Schicksals zu akzeptieren.

Meister Fan war früher Manager in einem großen Unternehmen, bis er beschloss als Mönch zu leben und den Menschen den Buddhismus nahezubringen. Wer für ihn arbeiten will, muss sich vegetarisch ernähren und bekommt täglich für eine Stunde die Beschäftigung mit erleuchtenden Schriften bezahlt.

Von nun an erscheine ich jeden zweiten Tag in der Praxis des Meisters und lasse mit mit heißen Kerzen an den Fußsohlen und an der Leber malträtieren, während das Kind sich bei chinesischen Computerspielen mit den Helferinnen amüsiert.

Doch viel hilft viel, und so entdecke ich auch andere Anbieter für mich. Benebelt von Weihrauch konsumiere ich giftig schmeckendem Tee, von dem eine junge Dame immer wieder behauptet, dass er gut für Gallenprobleme ist. Ich schlüpfe für die Behandlung in Schlafanzüge mit Teddymuster, die mir bis zum Ellenbogen reichen und lasse junge Herren barfuß über meinen Rücken spazieren.

Am Ende behalten meine Freunde kurzzeitig recht: Nach einer Woche ist mir so elend, dass ich nicht mehr aufstehen kann. Das Kind lebt von alten Keksen, die noch in meiner Handtasche sind. Hilfe herbeirufen kann ich nicht, da ich nicht weiß, wie unsere Adresse lautet, und unser Freund C.G. hat für ein paar Tage die Stadt verlassen – für einen Workshop in chinesischer Medizin. Zwei Tage später ist die Sache jedoch ausgestanden. Und ich fühle mich als neuer Mensch. Alle Zipperlein der letzten Jahre sind wie weggeblasen.

Selbstredend gibt es für mich zum Frühstück heißes Wasser und nur heiße Speisen – denn die Kälte schleppt die Krankheiten auf dem Rücken mit, schärft mir das junge Mädchen mit dem Gifttee bei der nächsten Behandlung ein. Vielleicht ist diese Idee aber auch nur ein Trick der Heißwassermaschinenhersteller. Denn ohne einen Wasserbehälter, der auf Knopfdruck heißes Wasser ausspuckt, ist eine Pekinger Wohnung inzwischen nicht mehr vorstellbar. Dagegen spricht, dass auch Wanderarbeiter nicht ohne Thermoskanne auf der Straße zu sehen sind. Und es im allerschäbigsten Hotel immer Heißwasser für die Gäste zum Trinken gibt, selbst mitten in der Nacht.

Peking Tongrentang

Als C.G. dann endlich wieder in Peking eintrifft, schleppt er mich zu Tongrentang, einem Pharmaunternehmen für TCM, das in Peking die älteste Apotheke Chinas betreibt. 18 Kilo wiegen die Kräuter und Tinkturen, doch wenn’s hilft, bin ich zum Schleppen bereit. Die Säcke auf dem Foto unten sind übrigens für mich.

Peking 1066

Später fahren wir zu C.G.s Eltern, C.G. hat seinen Eltern und sich jeweils eine Wohnung in demselben Haus gekauft. Seine Frau kocht unter den strengen Blicken der Schwiegermutter aus den ersten vier Kräuterbergen stundenlang einen Sud. Er riecht widerlich und schmeckt noch schlimmer, aber C.G. versichert mir, in ein paar Wochen wäre ich vollkommen und von allem geheilt. Nun ja.

Peking C.G.

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Ein Gedanke zu „Kräutermania

  1. kathisalltagswahnsinn

    Du musst wirklich krank gewesen sein bei der Menge an Kräutern. 😀 Ich hoffe, Deine Leberenergie fließt seitdem gut. 😉

    Antwort

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