Palastgeschichten

Peking Peking

Langsam nähert sich die Festwoche ihrem Ende. 60 Jahre Volksrepublik heißt 6 Tage Ausnahmezustand in Peking, sagt Y. Am 7. Tag trauen sich die Pekinger wieder aus ihren Wohnungen. Und wir in die Verbotene Stadt.

Die Verbotene Stadt oder Forbidden City war bis zur Revolution von 1911 der Sitz der chinesischen Kaiser der Ming und Qing Dynastien. Verbotene Stadt heißt die Palastanlage deshalb, weil einst nur der Kaiser selbst bestimmte, wer die Schwelle der Residenz übertreten durfte. Das galt in beiden Richtungen: Die meisten der kaiserlichen Beamten, Eunuchen und Konkubinen verbrachten ihr ganzes Leben hinter den schweren eisernen Toren der Verbotenen Stadt.

Heute hängt Maos Porträt über dem Haupttor gleich am Platz des Himmlischen Friedens und Touristen aus ganz China werden im Sekundentakt mit Bussen angekarrt.

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Auch für die Baedeker-Fraktion gehört das Gelände von 720.000 m² mit seinen 890 Palästen zum Höhepunkt ihres China-Trips. Doch während die deutschen Oberstudienräte gebannt sind von ihren Reiseleitern und deren kunstgeschichtlichen Exkursen, kommt es für die Chinesen vor allem auf das obligatorische Foto an. Will heißen, jeder Stein wird fotografiert, am liebsten natürlich mit der erweiterten Kernfamilie drum herum gruppiert, die Hand gereckt in obligatorischem Victory-Gruß.

Peking KaiserpalastPeking KaiserpalastPeking Kaiserpalast

Das Kind begnügt sich nicht mit derlei Oberflächlichkeiten. Dank des auf Touristen aus aller Herren Länder ausgerichteten Kaiserpalast-Managements erkunden wir die Verbotene Stadt und seine Paläste per deutschem Audioguide. Und zwar der ganzen langen, ermüdenden Reihe nach: Als ich nach 2,5 Stunden vorschlage, doch ein paar Stationen auf der Tour auszulassen oder zumindest nicht die zu jedem Palast gehörige Ur- und Frühgeschichte der Bebauung und seines Zwecks anzuhören, ernte ich nur einen vernichtenden Blick.

Peking Kaiserpalast

Ein Gutes hat die Kulturbeflissenheit des Nachwuchs: Je weiter wir uns von der Nord-Süd-Achse und ihren Hauptpalästen entfernen, desto mehr Zauber halten die fast menschenleeren Gassen und Höfe für uns bereit.

Gerade als der Kaiser vor mir her schwebt mit seinen güldenen Gewändern, umringt von seinen kaiserlichen Beamten auf dem Weg zu einer seiner Mätressen – “Excuse me, may we take your picture” oder einfach nur Zupfen am Ärmel – holt mich die chinesische Fotosucht in die Wirklichkeit zurück. Das Kind ist das allseits gefragte Objekt der Begierde, vor allem junge Paare scheinen davon besessen, sich in ein paar Jahrzehnten Arm in Arm mit einem fremden ausländischen Kind auf ihren Flitterwochenfotos zu sehen…

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Kurz nach halb fünf tönt auf einmal eine Art Sirene: Heraus mit euch Touristenpack. Denn um fünf schließt der Kaiserpalast seine Tore.

Die Toilettenfrauen haben da leider schon längst Schloss und Riegel betätigt: Wer nach halb fünf dem Kaiser zu Fuß folgen will, hat in Pekings Verbotener Stadt leider Pech gehabt.

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