In des Kaisers Sommerfrische

Weil wir fast da sind, unternehmen wir am nächsten Morgen einen Ausflug in den Sommerpalast von Peking, der früheren Residenz des chinesischen Kaisers in der heißen Jahreszeit. Ein riesiges Areal voller Seen und gepflegter Parklandschaft, durchzogen von filigranen Brücken, gespickt mit luftigen Pavillons, trutzigen Palästen, hoch gelegenen Tempeln: Der Summer Place ist ein beliebtes Ausflugsziel in Peking und steht auf der Agenda jedes Reiseunternehmens von San Francisco bis Shanghai. Und auch für den skeptischen Rucksacktouristen ist diese Anlage am Stadtrand von Peking ein lohnendes Ziel.

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Natürlich werden auch hier in dieser Woche 60 Jahre Volksrepublik gefeiert, mit dem obligatorischen Blumentopf in rot-gelb. Die Busse halten im Minutentakt vor dem Haupttor, das Weltkulturerbe stöhnt unter einer regelrechten Besucherinvasion. Doch wer wie die chinesischen Touristen seine kostbaren acht Tage Urlaub zum Nationalfeiertag in der Hauptstadt verbringt (insgesamt hat der Chinese nur drei Wochen zu jeweils festgelegten Zeiten frei im Jahr), erwartet keine Stille und keine Kontemplation, sondern eine doppelte Ladung Nation.

So rauschen Maos revolutionären Truppen durch des Kaisers Wandelgänge und kraxeln schweißgebadet die Stufen zum Tempel nach oben, wo sie sich dann gegenseitig in jeder möglichen Gruppenkonstellation fotografieren. Anschließend verspeisen sie durch langes Anstehen am Imbissstand erworbene Instantnudelsuppen, heiße Maiskolben und gefrorenes Erbspüree am Stiel. Letzteres ist der neueste Trend im Reich der Mitte, wo man Süßem traditionell eher skeptisch gegenübersteht.

Die wenigen deutschen Kulturtouristen, die sich in dieser Woche in der Stadt aufhalten, haben offensichtlich schon lange den Baedeker gestreckt und sich in ihren Hotels verbarrikadiert. Was dazu führst, dass sich jeder umdreht nach unserer Gruppe, die mit dem Drachenboot über den See schippert und dabei auf deutsch parliert.

Vor allem L. erntet Getuschel und verwunderte Blicke – ein Ausländer, der aussieht wie ein Chinese, ist denn das die Möglichkeit? Dass das Kind auch irgendwie aus den chinesischen Vorstellungen von Europäern (blond, hellhäutig, blaue Augen) fällt, schürt das Klatschpotential, rapportiert Y. das Geschnatter der Mitreisenden auf dem Boot. (Chinesen pflegen in ihrem Getratsche eine erfrischende Offenherzigkeit. Weshalb Y. auch gleich ausgefragt wird nach dem Woher und Wohin.)

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Weil der Slogan “Ich liebe es” in China an jeder Ecke auf englisch und in chinesischen Zeichen von einer Schaufensterscheibe grinst, haben wir hinterher auch keine Verpflegungsprobleme. Wie man auf dem Foto sieht, gehört für die Chinesen auch im Schnellrestaurant der Fotoapparat dazu.

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