Im Bauch von Peking

U-Bahn-Fahren in Peking braucht eine ganze Menge Nerven. Zwar hat das System seit meinem ersten Besuch vor einem Jahr einen Quantensprung hingelegt, dessen Ergebnis zu erreichen in Deutschland mindestens 50 Jahre in Anspruch nehmen würde. Gab es damals nur drei U-Bahnlinien, transportieren ein Jahr später schon neun Linien die Fahrgäste durch den Bauch der Stadt. Und der Ausbau des Streckennetzes ist noch lange nicht an seinem Ende angelangt.

Leider sprießen in Peking nicht nur die U-Bahn-Stationen wie Pilze aus dem Boden, sondern auch die Menschen. Und so ist es zu den Stoßzeiten trotzdem so voll, dass man häufig drei oder vier Züge abwarten muss, um überhaupt nah genug an den Eingang zu rutschen, wo man dann den Einstieg mit Ellenbogengewalt lösen kann. Da es praktisch unmöglich ist, zivilisiert auszusteigen, kleben alle Fahrgäste gleich an der Tür. (Denn wer würde freiwillig den Waggon verlassen, um anderen Passagieren den Weg frei zu machen, wenn man weiß, es gibt in China keinen Weg zurück.) Wir versuchen deshalb, nur nach elf Uhr morgens den Zug zu nehmen oder abends nach acht.

Peking 154

Sehr praktisch hingegen ist die Ticketfrage gelöst. Man kauft für umgerechnet 20 Cent eine Plastikkarte an einem (auch Englisch sprechenden) Automaten, die beim Verlassen des U-Bahnnetzes vom Gate wieder eingezogen wird.

Das einzige, was wirklich nervt, sind die Taschenkontrollen an den U-Bahnstationen. Jeder Rucksack wird durchleuchtet, wenngleich die dazugehörigen Kontrolleure nicht den Eindruck machen, als könnten sie auf ihrem Bildschirm eine Kuh von einem Päckchen TNT unterscheiden. Und im Grunde geht es ja auch gar nicht darum.

Während die chinesischen Damen in aller Regel ihre Handtasche ungehindert am Checkpoint vorbei schwenken, sind durchweg alle von mir beobachteten Fälle von Handkontrolle verbunden mit auffällig großen Stapeln Papier. Wer Akten mit sich herumschleppt, macht sich per se verdächtig. Schließlich könnten es Flugblätter sein. Auch eine zu dunkle Hautfarbe ist in Peking ein Garant für eine Filzung: Denn besonders die armen (und also an der Sonne arbeitenden) Bauern aus den Provinzen machen immer wieder in Peking ihrem Ärger über Landnahme, Korruption und Vertreibung Luft.

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