Die Polizei dein Freund und Helfer

Heute ist der langersehnte Tag gekommen: C.G., der Rubbelfolienunternehmer, hat Tickets besorgt für “Turandot” unter der Regie von Zhang Yimou, aus dessen Feder auch die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele stammte. Obwohl die billigsten Tickets umgerechnet 38 Euro kosten, knapp ein Kellnerinnengehalt, sind die zwei Vorstellungen im “Vogelnest”, dem Olympiastadion, seit Wochen ausverkauft.

Peking

Das “Vogelnest” sieht aus, wie es heißt und ist der filigrane Sieg Chinas über den Beton. Auch auf dem einstigen Olympiagelände dreht sich alles um die 60-Jahrfeier, was die Touristen kurz verzweifeln lässt, welches Motiv für die Dokumentation wohl am geeignetsten sei. Das Fazit: Victoryzeichen machen sich vor Sportstätten wie vor Schnellimbissen und chinesischen Flaggen aus Blumentöpfen gleichermaßen gut.

Peking VogelnestPeking OlympiageländePeking Peking

Wie in China üblich, ist auch C.G. kein Freund von festen Verabredungen. Wenn ein Chinese nicht bis kurz vorher Ort und Zeit neu justieren kann, fühlt er sich bedrängt. Was der Mobilfunkindustrie beste Geschäfte beschert, denn ohne mindestens drei Rückrufe und zehn SMS ist eine Verabredung in China unvorstellbar. Dumm nur, wenn man wie wir mangels Sprach- und Ortskenntnissen auf einen Treffpunkt drängt.

Der wird uns von C.G. auch genannt, McDonalds am Olympischen Dorf, mit einer ungefähren Zeit. Leider gibt es mehrere davon in der Gegend, doch als wir merken, dass wir uns den falschen ausgesucht haben und den zweiten Rückruf getätigt haben, ist meine chinesische Prepaidkarte leer. Richtig blöd ist, dass ich erst jetzt feststelle, dass mein deutscher Anbieter aus welchen Gründen auch immer den Versand von Nachrichten ins chinesische Netz verwehrt.

Zwar haben wir noch 1,5 Stunden Zeit, denn wir sind lange vorher aufgebrochen, um uns die olympischen Stätten aus der Nähe anzusehen. Doch irgendwie bekomme ich das Gefühl, dass die Wahrscheinlichkeit, sich auf dem von Festtagstouristen überfüllten Platz an der richtigen Stelle in die Arme zu laufen, ziemlich gering ist. Und um sich durch das Gewühl zu kämpfen, ist die Zeit dennoch zu knapp, denn schließlich müssen wir vom „richtigen” McDonalds schließlich noch zum “Vogelnest” zurück.

Peking Watercube

Da ich um keinen Preis der Welt die Aufführung verpassen will, bringe ich den nächsten Polizisten in Verlegenheit. Denn der kann natürlich kein Englisch und neigt, wie die meisten Chinesen, auch nicht unbedingt dazu, mit gesundem Menschenverstand meine Zeichensprache entschlüsseln zu wollen. In Büchern steht, es sei die Angst vor Gesichtsverlust bei einer falschen Annahme. Ich glaube, die Sprachunfähigkeit der Besucher geht den meisten Chinesen einfach nur am Allerwertesten vorbei.

Doch einer kulturbeflissenen Dame, noch dazu mit theaterbegeistertem Kind, verleiht ihr Wille Flügel, und nach etwa zehn Minuten voller gymnastischer Übungen mit meinem Telefon, auf das ich immer wieder mit dem Zeigefinger einsteche, beschließt der Kollege zumindest, einen zweiten Mann hinzuzuziehen. Langer Rede, kurzer Sinn, letztlich ruft die Polizei mein Freund und Helfer mit dem polizeieigenen Mobiltelefon C.G. an, um ihn zu meinem Standort in der Nähe des “water cube” zu lotsen. Hier fanden 2008 die Schwimmwettkämpfe statt, jetzt leuchtet der Würfel in futuristischem Blau in die Pekinger Nacht.

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C.G. schüttelt reihum Hände, als er mit seiner Frau endlich eintrifft, Visitenkarten werden ausgetauscht und die Polizisten winken uns schließlich hinterher, nicht ohne sich gegenseitig lachend auf die Schulter zu hauen. Zumindest gibt es für sie an diesem Abend zuhause was zu erzählen.

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Die Vorstellung selbst ist das von Regiealtmeister Zhang Yimou erwartete Farb- und Formationsspektakel mit großartigen Sängern. Mehrere hundert Diener, Soldaten, Beamte marschieren auf in rot, grün oder gelb, unter dem Kuppeldach des „Vogelnestes“ ein Theaterereignis mit Gänsehautfaktor.

Leider haben wir die Rechnung ohne den Wirt, in dem Falle die Mitkartenbesitzer, gemacht. Die Zuschauer holen sich Popcorn und Cola in Zwei-Liter-Eimern, sie telefonieren oder simsen. Die Damen hampeln in aberwitzigen Bewegungen, weil die Stadiondecke offen und ein Abendkleidchen für die Pekinger Herbstluft nicht wirklich die richtige Kleiderwahl ist. Die Herren gehen derweil zum Rauchen raus. Ab und zu schauen sie auch mal nach vorn, wenn ein Lichtreflex ihr Auge auf die riesigen Leinwände rechts und links der Bühne zieht. Selbst im auf dem Stadionboden improvisierten Parkett, wo ein Ticket 250 Euro kostet, hapert es mit Disziplin und Sitzkondition.

C.G., ein großer Opernliebhaber, der mir vorhin gerade von einer Aufführung in Berlin vorgeschwärmt hat, zuckt bedauernd mit den Schultern. “So sind wir halt.“ Und konzentriert sich auf die Musik.

Peking VogelnestPeking Vogelnest

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