Lang lebe Mao

Wenn man sagt, in der Stadt ist die Hölle los, denkt man an Menschenmassen wie im Advent. Doch das Bild, das sich im Deutschen mit dieser Phrase verbindet, hat mit Peking im Festtagsrausch nichts zu tun. Was ist die Steigerung von Hölle? Und welches Bild beschreibt, was zu dieser Feier der 60 Jahre Volksrepublik auf den Straßen der Hauptstadt Chinas vor sich geht. Mir fällt keins ein, also umfasse ich das Kind ganz fest um das Handgelenk, und wir traben im Gleichschritt mit der Menge mit.

Was anderes bleibt uns auch nicht übrig, denn der Weg von der U-Bahn ist rechts und links abgesperrt, es geht nur in eine Richtung und die heißt geradeaus. Was passiert, wenn hier jemand ohnmächtig wird oder einfach nur aufs Klo will, entzieht sich meiner Vorstellungskraft. Denn um überhaupt an die Seite zu gelangen, braucht es mehr als zwei Ellenbogen Durchsetzungskraft. Nur an den Straßenkreuzungen hält die Menge ein für einen Augenblick, denn die Ordner in orange (alles freiwillige Festtagshelfer) haben mehr Macht als in Deutschland die Polizei.

Doch sobald der Pfiff aus der Trillerpfeife ertönt, schiebt sich die Menge weiter: Der Platz des Himmlischen Friedens ist das Ziel. Denn dort sind die Wagen der Festtagsparade zu bestaunen, die das Volk bis jetzt nur im Fernsehen sehen konnte.

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Die Stadt leuchtet rot in der Farbe des Kommunismus, die auch die festliche Farbe des alten China ist. Überall hat man Blumen in Plastiktöpfen aufgebaut, in rot und gelb, den Farben der Flagge der Volksrepublik. (Für echte Blumen ist es schon zu spät in der Vegetation, in ein paar Wochen wird Schnee fallen in Peking, auch wenn der blaue Himmel darüber hinwegtäuschen soll.) Weil alle ihre Kinder, Frauen, Omas, Kollegen knipsen, stelle auch ich das Kind zum Gruppenfoto mit Fähnchen auf.

Peking Peking

Leider haben wir uns falsch eingeordnet. Statt die Panzer aus Pappmache auf dem Platz des Himmlischen Friedens bewundern zu können, werden wir auf der anderen Straßenseite in die Verbotene Stadt gespült. Egal, die rote Sonne Mao leuchtet auch hier.

PekingPeking Peking PekingChairman Mao

Das schönste am Nationalfeiertag ist ein gemeinsames Foto mit Great Chairman Mao, lautet offenbar die Bürger ausgegebene Devise. Dass ich aus der Absperrung hüpfe für ein Foto vom Chairman über dem Eingang zur Verbotenen Stadt, auf dem nicht mal das Kind drauf ist, löst bei den Chinesen um uns ausgestreckte Zeigefinger und kichern aus, etwas, was mir in Peking vorher noch nie passiert ist.

Was insofern nicht verwundert, als dass die Pekinger bei solchen Gelegenheiten wie heute lieber zu Hause bleiben, egal wie historisch die Stunde vermeintlich ist. Wer hier drängelt, schiebt und knipst, ist aus den Provinzen zur Feier der Errungenschaften des Kommunismus angereist. (Allein schon darüber schüttelt der echte Pekinger den Kopf, denn an Kommunismus glaubt man in der Hauptstadt des Turbokapitalismus schon lange nicht mehr.)

Und so rauscht und murmelt es in allen chinesischen Sprachen (denn Mandarin ist nur die Hochsprache, die den Chinesen untereinander neben den stets gleichen Schriftzeichen als lingua franca dient). Finger hoch zum Victory-Gruß, Fähnchen hoch – und ab ins digitale Familienalbum.

Peking PekingPeking Peking

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