Die Mauer von China

Als wir nach Hause kommen, ist unsere Gastgeberin C., von Beruf Producerin, endlich aufgestanden: Wer nur zehn Tage Urlaub im Jahr hat, nutzt einen Feiertag lieber zum Kräftesammeln als zum Fähnchen schwenken. Um wenigstens ein bisschen von der revolutionären Stimmung mitzubekommen, schauen wir uns zusammen die Parade an, eine Mischung aus Militäraufmarsch und farbenprächtiger Tanz-Choreographie. Tausende von Freiwilligen, darunter viele Kinder, haben seit Monaten für diesen Tag trainiert. Mit Kostümen und Fahnen wandelt sich das Luftbild alle paar Sekunden, um sich kurz darauf vor der Kamera in neuer Form und Farbe zu formieren wie in einem Kaleidoskop.

Die Parade folgt ausschließlich der Fernsehchoreographie: Zum Platz des Himmlischen Friedens und zur Paradestrecke selbst haben normale Passanten keinen Zutritt – das Politbüro jubelt stellvertretend für 1,3 Milliarde Menschen, auch wenn die meisten der alten Männer dabei aussehen wie ausrangierte Figuren der Muppet-Show. Wer die Macht in diesem Land sehen will, schaltet den Fernseher an.

Dass mit den Mitteln für die Schau noch das letzte chinesische Dorf in eine Hightechbasis verwandelt werden könnte, das stört das Volk ganz offensichtlich nicht. Denn selbst wenn unsere Gastgeberin im Stillen darüber die Augen verdreht: “Meine Familie hat Punkt zehn Uhr morgens mit Sicherheit vor dem Fernseher gesessen und war stolz auf ihr Land.”

Ein Spielfilm im Anschluss zeigt Mao als jungen Mann, auf dem Weg zur Weltrevolution. “Es gibt immer Opfer, wenn man das Bessere will.” Ach so.

Auf einem anderen Kanal läuft der Musikantenstadl in rot. Bauernchöre und Arbeiterorchester wechseln sich mit Bauerntänzern und Arbeitersängern ab. Die Kostüme wirken als schreite Mao jeden Moment über die Showtreppe, eine aus der Zeit gefallene Inszenierung, die nach dem Abend auf der Nanjing Road vollkommen unwirklich scheint. Statt des Großen Führers tritt eine verdiente Volksdichterin mit geflochtenen Zöpfen und rotem Kleid ans Mikrofon. Sie deklamiert ein Gedicht, der Inhalt ist auch ohne Sprachkenntnisse offensichtlich. Je länger ihr Vortrag dauert, desto emotionaler wird ihr Tun. Am Ende trommelt sie sich auf die Brust bei jedem Wort, ihr Gesicht ist tränenüberströmt. Das Kind starrt gebannt auf die im Tränentakt wackelnden Zöpfe. “Die weint wahrscheinlich, weil in China die Mauer gefallen ist…”

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s